Das Ahrgebirge – Von der Seele einer heilsamen Landschaft

Über das Ahrgebirge und seine Menschen

»Wir machen aber von dem Länderreichtum des Ichs viel zu kleine oder enge Messungen, wenn wir das ungeheure Reich des Unbewussten, dieses innere Afrika, auslassen.« Jean Paul, Selina

Wie kaum eine andere Landschaft spiegelt das Ahrgebirge die Vielgestaltigkeit des eigenen Seelenerlebens wider. Das Ahrtal, das sind auf der einen Seite schroffe, wild zerklüftete Berge, auf der anderen Seite sanfte, sonnenbeschienene Hänge, die ein wenig an die Toscana erinnern. Da sind Canyons und Schluchten, Felsgrate und -kanzeln, da sind enge Passagen und weite Täler. Da ist geordnete Kulturlandschaft neben unbehauster, fast wilder Natur.

Hier steht ein Bild mit dem Titel: Panoramen vom Steinerberg, eines faszinierender als das andere (Foto: Norbert Schneider)

Weite öffnet das Herz, lässt den Menschen froh werden (Foto: Norbert Schneider)

Mit offenen Sinnen durch die Landschaft

Der Blick über das Tal erzählt von Arbeit und Mühe, aber auch vom Lohn für den Fleiß; er erzählt von der Liebe zur Erde, aber auch von der unbändigen Macht der Natur. Diese Landschaft wird man lieben, wenn man sich mit ihr auseinandersetzt. Dazu wollen wir offen auf sie zugehen, mit allen Sinnen.

Sie verschließt sich nicht, sie bietet sich an, sie mit offenen Augen zu betrachten: ihre lichten Eichenhaine auf den Kuppen, Dome aus hochgewachsenen Buchen an den Hängen, dunkle Nadelwälder auf den Höhen, steile Weinberge, kühne Klippen, buntes Herbstlaub – flammendrot bis ockergelb, blaugrauer Fels, fruchtbare Erde. Sie wartet darauf, dass wir sie mit der Nase erschnuppern. Den Duft des Weines in den Kellern der Winzer, die frischkalte Luft eines Wintermorgens, den Duft desWaldes an einem Frühlingstag, der Geruch der Erde in den Weinbergen.

Hier steht ein Bild mit dem Titel: Nur für einen kurzen Moment taucht die Sonne die Weinberge in goldenes Licht (Foto: H.-J. Schneider)

Nur für einen kurzen Moment taucht die Sonne die Weinberge in goldenes Licht (Foto: H.-J. Schneider)

Das Ahrgebirge hören, sehen, schmecken …

Unsere Ohren umschmeichelt sie mit dem Plätschern der Bäche, mit dem Rauschen des Flusses, dem Singsang der Sprache, in der man sich als Fremder sofort aufgehoben fühlt. Kann man Gemütlichkeit noch direkter erfahren? Lauschen: auf das Gezwitscher der Vögel, aber auch auf die Stille einer späten Sommernacht. Lauschen auf das Rauschen der Blätter im Wind – hört sich das Rauschen des Windes in den Blättern einer Buche anders an als in den Nadeln einer Kiefer?

Hier steht ein Bild mit dem Titel: Nach all den grauen Winterbildern: es gibt auch Sommer am Steinerberg (Foto Wanderblogger Hans-Joachim Schneider)

Grün erfrischt die Seele und befreit uns von Stress und Monotonie (Foto Hans-Joachim Schneider)

Unserem Tasten bietet sie weiche Moospolster im Wald, harzige Kiefernzapfen auf dem Boden, glatten, von der Sonne aufgewärmten Fels am Wegesrand. Unterwegs auf der Sonnenseite des Tals einmal die Hand auflegen auf einen der mächtigen Schieferblöcke, die Wärme in sich aufnehmen, wie es die Rebstöcke tun in kühlen Nächten. Für unseren Geschmack hält sie die Vielfalt der Weine bereit, die regionale Küche, den Geschmack der frischgepflückten Trauben am Weinstock.

Sich berühren lassen

So berührt diese Landschaft den ganzen Menschen in uns, berührt unsere Seele und wirkt so heilend auf den gestressten Menschen, der den Weg in diese ursprüngliche Landschaft gefunden hat. Sie heilt, weil sie uns unser eigenes Inneres widerspiegelt. Sie erweckt in uns wieder Glaube und Zugehörigkeit.

Wir dürfen ruhig Ahrgebirge sagen – auch wenn die höchsten Berge nur vier-, maximal sechshundert Meter hoch werden. Wer einmal vom Hornberg auf das darunter liegende Langfigtal und die dahinter sich auftürmenden Kuppen geschaut hat, wird das sofort begreifen. Diese Landschaft erzählt von der Bodenständigkeit ihrer Bewohner, auch wenn die meisten von ihnen schon lange täglich zur Arbeit in die nahegelegenen Ballungsräume fahren. Sie erzählt aber auch von deren Freude am sinnlichen Leben. Landmarken und ihre Namen – Engelsley und Teufelsloch, Schwarzes Kreuz und Weißes Kreuz – erzählen von der Verwurzelung der Menschen in tiefen Traditionen, auch und vor allem im Religiösen.

Hier steht ein Bild mit dem Titel: Unbarmherzig brennt die Sonne auf das karges Holzkreuz, das unseren dritten Gipfel markiert (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Nicht nur ein Gipfelkreuz, sondern auch Symbol für die Verwurzelung im Glauben: Das Kreuz auf der Teufelsley im Ahrgebirge (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Der Fluss hat sich seinen Weg gebahnt, …

Mitten in dieser Landschaft ein kleiner Fluss. Eine Quelle, mitten im Zentrum einer kleinen Stadt, gefasst im Keller eines Hauses, welch seltsamer Ursprung. Würde man nicht in einer Landschaft wie dieser, einen Fluss erwarten, der seine Quelle im Wald am Fuße einer Felskanzel hat. Nicht so die Ahr. Erst wenn sie Blankenheim verlässt, darf sie Bach sein, sich frei entfalten. An ihren Ufern grüne Auen, dunkle Wälder, kleine Ortschaften, dazwischen sucht sie sich ihren Lauf.

Hier steht ein Foto mit dem Titel: Bei Schuld verspricht die Ahr die verdiente Abkühlung (Foto: Hans-Joachim Schneider)

Nachdem die Ahr Blankenheim verlassen hat, kann sie sich endlich frei entfalten, hier bei Schuld (Foto: Hans-Joachim Schneider)

… der Mensch ist ihm gefolgt.

Wer diesem folgt, spürt unmittelbar, sieht direkt, welche Arbeit sie geleistet hat, welche Mühe es sie gekostet hat. Aber sie hat sich ihren Weg gebahnt, hat sich tief in das Gebirge eingegraben, ihren Lauf immer wieder geändert – deutlich sichtbar und fast mit den Händen zu greifen bei den Umlaufbergen in Mayschoss. Der Mensch ist dem Fluss gefolgt, hat sich das Tal erobert, in das sich dieser in unermüdlicher Arbeit über Jahrmillionen eingegraben hat. Aber dort, wo der Fluss ausgewichen ist, hat der Mensch nicht aufgegeben. Aber das hat bei ihm nicht zur Selbstüberschätzung, zur Hybris geführt. Gerade die Winzer des Tales, die Tag für Tag mit den Herausforderungen der schroffen Weinhänge ringen, sind tief mit dieser Landschaft verwurzelt.

Dieser Beitrag ist eine überarbeitete Version eines Artikels aus meinem AhrSteig-Wanderführer. Das Buch ist im normalen Buchhandel erhältlich, kann aber auch über Amazon bestellt werden. Siehe dazu folgenden Link:  Direkt bei Amazon bestellen!

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3 Kommentare

    • Liebe Leni, herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Schön, dass Dir die Eindrücke so gut gefallen. Ja, es ist dieses sinnliche Erleben, das mich immer wieder so ans Ahrtal fesselt. Aber ich lasse mich da gerne fesseln. Schöne Grüße, Joachim

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